Zeitzeugenberichte und ErinnerungenMilchproduktion, Transport und Verarbeitung

Im Jahre 1909 wurde im hiesigen Kreisblatt der Bau der ersten Molkerei, 1909 – 1910, in Berleburg schräg gegenüber dem neugebauten Bahnhof, bekannt gegeben. Diese sammelte nun die Milch von den Bauern der Umgebung und verarbeitete sie u.a. zu Butter, Käse und Trinkmilch. Damit verbunden war die Gründung einer Genossenschaft als Träger der Molkerei.

Molkerei in Bad Berleburg
Molkerei in Bad Berleburg

Auf der Generalversammlung der Genossenschaft wurden folgende Personen aus Schüllar, Heinrich Bald (Dönges) und Christian Harth (Schulze) und aus Wemlighausen Böhl (Kiepe) und Dittmann in den Vorstand der Genossenschaft gewählt.

Nun konnten die Bauern aus Schüllar und Wemlighausen ihre Rohmilch, die sie nicht selbst zu Butter verarbeiteten und eventuell in Berleburg vermarkteten oder zur eigenen Versorgung brauchten, an die Molkerei liefern. Dieses war auch den Selbstversorgerhaushalten mit ihren 1-2 Kühen möglich.

So kam Bargeld ins Haus, was damals nicht alltäglich war. Denn das Milchgeld wurde in den 50er bis 60er Jahren auf Kellers Saal einmal im Monat bar ausgezahlt. Danach übernahmen Unnegrunds diese Aufgabe. Davon profitierten das Geschäft von Karl Grund und die Hausfrauen, die das Geld dort abholten. Sie bedienten sich aus dem Angebot des Geschäftes und versorgten sich mit Lebensmittel, Reinigungsmittel, aber auch mit Nähutensilien, einer neuen Schürze oder einem neuen Kittel.
Mitte der 80er Jahre wurde das Geschäft geschlossen und das Milchgeld wurde auf ein Konto überwiesen.

Aber wie organisierte man den Transport der Milch zur Molkerei? Es wurden Kannen aus Metall angeschafft, die je 15 – 20 Liter fassten. Jeder Milchlieferant bekam eine Nummer zugewiesen, welche dann aus Messing an die Kannen gelötet wurde, so dass man die gelieferte Milch und die Kannen jeweils zuordnen konnte. Auch ein Wagen und zwei zugstarke Pferde brauchte man für den Transport.
Der Fuhrmann steuerte damit durch das Dorf und belud den Wagen mit Hilfe seiner Muskelkraft mit den gefüllten Kannen. Später, als die Anzahl der Kannen gestiegen war, musste ein zweiter Mann ihn unterstützen. Vor der Molkerei in Berleburg mit dem Gespann angekommen, mussten die Kannen abgeladen, gewogen, entleert und die angelieferte Menge notiert werden. Die geleerten Kannen wurden dann wieder im Dorf am Sammelplatz auf der Milchbank oder dem Milchbock, ein hölzernes Gestell, welches die Höhe des Milchwagens hatte, um dem Fuhrmann die Arbeit zu erleichtern, damit er die Kannen nicht vom Boden auf den Wagen heben musste, abgeladen.

Von dort holten dann am Mittag die Milchlieferanten ihre Kannen.

Die leeren Kannen wurden gespült, um schon bald wieder mit Milch gefüllt zu werden. Denn bis in die 50er Jahre wurden die Kühe dreimal am Tag gemolken, morgens – mittags – abends. Zur Mittagszeit wurden sie auch nach Hause getrieben, um meistens von der Hausfrau gemolken zu werden. Anschließend brachten die Schulkinder und Hütejungen sie wieder auf die Weide.

Schneiders Tante vor einem Milchbock bei Lotzes. Im Hintergrund bei der Haustür zum Trocknen aufgehängte Milchgefäße.
Schneiders Tante vor einem Milchbock bei Lotzes. Im Hintergrund bei der Haustür zum Trocknen aufgehängte Milchgefäße.

Das Melken war natürlich bis in die 60er Jahre Handarbeit, denn ab dieser Zeit wurden erst nach und nach elektrische Melkmaschinen installiert. Der Elektrizität ist es auch zu verdanken, dass Elektrozäune errichtet werden konnten, und dadurch die Tiere auf ihrer Wiese blieben und nicht mehr von Hirten oder Hütejungen beaufsichtigt werden mussten.

In Wemlighausen kam der erste bekannte Milchfuhrmann vom Landebach, der Landebächer Jorch, Georg Riedesel. Mit seinem von zwei Pferden gezogenen Plattwagen, später gummibereift, beförderte er seine eigene Milch und die der anderen Bauern vom Landebach und aus Kraftsholz, lud weitere Kannen aus dem Winterbach und Rüsselsbach auf, setzte seinen Weg in Wemlighausen fort zum Einsammeln der Milchkannen über das Oberdorf durch die Dorfmitte bis zur Heiderbrücke. Die eingesammelten Kannen fuhr er dann zur Molkerei, ab 1938 dann zur Molkerei nach Raumland. Denn die Berleburger Molkerei ging über in die Molkerei Raumland, die Hauptannahmestelle für den nördlichen Teil Wittgensteins, genannt Wittgensteiner Molkereigenossenschaft.

Aber nicht nur Milch transportierten die Milchfuhrleute, sondern auch Personen. Denn Schulkinder von den Einzelhöfen nutzten die Mitfahrgelegenheit oder Personen, die etwas in Berleburg zu erledigen hatten. Hauptsache man fand noch einen Platz neben dem Kutscher oder zwischen den Milchkannen auf dem Wagen. Auf der Rückfahrt brachten sie auch von den örtlichen Geschäften bestellte Wurst mit und Magermilch aus der Molkerei, mit welcher die Bauern ihre Schweine und Kälber tränkten, eventuell unter Zugabe von Bierhefe aus den Siegerländer Brauereien.

Während des zweiten Weltkriegs und eine Zeit danach durften die Milcherzeuger nicht mehr selbst Butter und Sahne herstellen. Die gesamte erzeugte Milchmenge musste bei der Molkerei abgeliefert werden. Deswegen wurde angeordnet, dass Butterfässer und Zentrifugen, die die Sahne von der Milch trennen, abzugeben sind. Oder es reichte, auch Teile der Zentrifuge abzugeben, so dass diese nicht mehr funktionsfähig war. Auch die Milchlieferanten sollten ihre Butter bei der Molkerei kaufen, welche in den geleerten Kannen von der Molkerei zu ihnen kam.

Anfang der 60er Jahre wurde Jorch von Heinrich Womelsdorf abgelöst, dieser brachte zuerst mit einem Pferdefuhrwerk die Milchkannen bis zu Nölgeschneiders Scheune auf die dort stehende Milchbank, später übernahm ein Traktor die Arbeit des Pferdes. Ab hier übernahmen dann Fritz Lückel (Überste) Junior und Senior aus Girkhausen den Transport. Vorher hatten sie schon die Milchkannen in Schüllar, Schüllarhammer und von Unterm Rain eingesammelt. Während zunächst der Transport mit einem von einem Traktor gezogenen Hänger durchgeführt wurde, ersetzte bald ein LKW, welcher moderner und schneller war, das Gefährt. Zu dieser Zeit wurde der Transport zur Molkerei noch täglich durchgeführt, auch sonntags.

In den 60er Jahren verringerte sich die Anzahl der Milchlieferanten, denn viele Selbstversorgerhaushalte mit 1-2 Kühen schlossen ihre Ställe und stellten die Milchproduktion ein. Mit dem wirtschaftlichen Aufschwung stiegen auch die Löhne und man verdiente im Handwerk als Schreiner, Maurer, Elektriker etc. oder in einer Fabrik so gut, dass man die Selbstversorgung nicht mehr brauchte. Auch die Frauen begannen verstärkt, sich eine Arbeit zu suchen.

Die Bauern dagegen bauten ihre Milchproduktion weiter aus. Auch sie wurde moderner und effizienter, denn nach dem Einzug der elektrischen Melkmaschinen kamen elektrische Kühlgeräte dazu. Die Milchkannen wurden durch Milchsammelbehälter mit einem Fassungsvermögen von 100 – 250 Liter ersetzt. Dazu wurden Milchkammern eingebaut, in denen die Milch gelagert und gekühlt wurde, um ihre Qualität zu sichern. Die gelieferte Milch wurde begutachtet und auf Keime und Zellgehalt untersucht. Auch fuhren nun moderne Milchsammelwagen mit Edelstahltanks und Kühlsystem die Milchlieferanten an, um die Milch zur Molkerei zu fahren und zwar ab Ende der 60er Jahre nur noch jeden zweiten Tag von dem Milchspediteur Fritz Lückel aus Girkhausen.

Auch ist die Molkerei in Raumland schon längst Geschichte und die Lieferwege sind für den Spediteur länger geworden.
Von den dutzenden Milchlieferanten früher in Schüllar-Wemlighausen sind bis 2026 noch vier übrig geblieben, zwei in Schüllar, Hanses und Zeliox, und zwei in Wemlighausen, Frettlöhs und Lipses.

Änderung vorschlagenLetzte Aktualisierung am 27. März 2026.