Zeitzeugenberichte und ErinnerungenGrenzgang und Grenzstein

Die Grenzgänge stammen aus dem Mittelalter. Die Bürger sollten regelmäßig die Grenze abgehen und die Grenzzeichen überprüfen und bei Bedarf erneuern. Innerhalb der Gemarkungsgrenzen stand den Bürgern das Huderecht und andere Gerechtsame (Nutzungsrecht, Privileg oder Vorrecht) zu. In früherer Zeit konnten die Bürger und Bauern mit Schreiben und Lesen nicht ausreichend erreicht werden. Deshalb schickte der Dorfschulte oder der Bürgermeister Boten mit Glocken zum Ausrufen und zur Ankündigung des Grenzganges durch Stadt und Dorf.

Die Pflicht zur Grenzbegehung ist in der Gemeindeordnung der Stadt Berleburg 1562 wie folgt festgelegt: „Es soll der ehrsame Bürgermeister zusammen mit der ganzen Bürgeschaft, Jung und Alt, und die Knaben von sieben Jahren zum wenigsten einmal im Jahr in ihrer Feldmark Grenze gehen und besichtigen“.

Bei späteren Grenzgängen im 17. und 18. Jahrhundert wurde häufig ein Notar hinzugezogen, der den Grenzverlauf protokollierte und Grenzstreitigkeiten vermerkte. Aus diesen Protokollen geht hervor, dass die Schultheißen und die übrigen Gemeindemitglieder der Nachbargemeinden sich an den Grenzgängen beteiligten.

Als Grenzzeichen dienten Aufwürfe, sogenannte Grenzgräben, dann Grenzsteine und Grenzbäume. Trotz dieser Maßnahmen kam es immer wieder zu Unklarheiten über den genauen Grenzverlauf. In den Protokollen der Grenzgänge wird daher häufiger erwähnt, dass neue Serien von Grenzsteinen gesetzt wurden, weil alte Steine oder Grenzbäume nicht mehr vorhanden waren.

An manchen Grenzpunkten kam es auch zu Meinungsverschiedenheiten, sogenannte „Einwürfe“, mit den Nachbargemeinden über den tatsächlichen Verlauf der Grenze.

Vermessung und Grenzfestlegung

1816 wurde Wittgenstein preußisch. Bis dahin hatte die Hessen-Darmstädtische Regierung das Gebiet vermessen (als „Hessische Vermessung“ bekannt). Die Grenzvermessung wurde anschließend von der preußischen Regierung in Arnsberg neu durchgeführt.
Die Grenzbegehung am 14., 15., 17. und 18. Oktober 1839 war der letzte Grenzgang der Berleburger Gemarkung nach der jahrhundertealten Zeremonie.

Am Freitag, dem 6. Mai 2005 startete Klaus Kühn (*1941 +2015) aus Bad Berleburg als Wanderwart des Sauerländischen Gebirgsvereins Bezirk Wittgenstein Wandern, Natur, Heimat e.V. an der Heiderbrücke in Wemlighausen mit vielen Interessierten die 1. Etappe einer Grenzwanderung. Ziel der Wanderungen war es, die Heimat des Bezirks Wittgenstein zu erkunden und an die historischen Grenzgänge zu erinnern.
Auf dem Weg zum Laibach-Struthbach über den Grenzweg nach Berleburg wurde an der Heiderbrücke ein neuer Grenzgedenkstein mit einem Schriftzug aus Bronze gesetzt.

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Pflege der Grenzsteine

Auf Initiative von Heimat- und Wanderfreunden wurden viele der alten Grenzsteine wieder aufgesucht, freigelegt, vom Moos befreit und gereinigt. Dadurch wurden sie wieder sichtbar gemacht.

Eine weitere Aufgabe besteht darin, die Grenzsteine dauerhaft zu erhalten. Deshalb sollten die zuständigen Behörden dafür sorgen, dass sie geschützt oder teilweise unter Bodendenkmalschutz gestellt werden.

Die im 17., 18. und 19. Jahrhundert aufgestellten Steine wogen meist etwa zwei bis vier Zentnern. Unterstützung bei der Bergung und Sicherung leistete der Bauhof aus Bad Berleburg mit schwerem Gerät.

Grenzvermessung heute

Heute sind die staatlichen Katasterämter für die Vermessung zuständig. Mit modernen Vermessungsmethoden können Grenzen bis auf wenige Quadratzentimeter genau bestimmt und in Karten eingetragen werden. Dank Satellitentechnik bestehen heute vielfältige Möglichkeiten der Vermessung. Moderne Katastermethoden ermöglichen es, Grenzpunkte aus früheren Jahrhunderten – teilweise bis zurück ins Jahr 1612 – wiederzufinden, ohne dass sich ihr Verlauf durch menschliche Eingriffe verändert hat.

Quelle: Sonderauflage aus der Zeitschrift „Wittgenstein, Blätter des Wittgensteiner Heimatvereins e.V. „Berleburger Grenzgänge in alter Zeit, Wilhelm Belz“ aus 2005.
Text: Karin Strackbein (Enes)

Änderung vorschlagenLetzte Aktualisierung am 3. April 2026.