Zeitzeugenberichte und Erinnerungen„Das Rainlied“
Wie die Alten sungen, so zwitschern auch die Jungen, so heißt es in Sängerkreisen. In Schüllar und Wemlighausen übt man sich im Gesang im MGV Erholung 1878. Natürlich wird und wurde auch beim Gottesdienstbesuch in der Odebornskirche gesungen und musiziert. Einige Frauen aus unseren Dörfern sind in benachbarten Chören Mitglied und gehen da ihrer Leidenschaft nach. Musik und Gesang erfreut Herz und Seele und ist eine willkommene Abwechslung zu den Problemen, die der Alltag mit sich bringt und die es zu bewältigen gibt. Heute nennt man das wohl Auszeit. Der Gesang und das Musizieren in der Gemeinschaft ist gut für die Pflege von sozialen Kontakten und verstärkt das Zusammengehörigkeitsgefühl.
Es gibt nur wenige Leute, Straßen in Wemlighausen die seit Jahrzehnten über ein eigenes Lied verfügen. Die Rainleute haben ein eigenes Lied. Von Reine bis Gordekarls, über Feldines, Anstreichers, Grunds, Trapps bis zu Keppel. Heute gehören zum Rain die Straßen „Unterm Rain“, „Auf dem Rain“, ein Haus „Im Gängelchen“, ein Haus „Unter der Kirche“ und eine Familie „An der Lindenstraße“.
Die Leute vom Rain wurden inspiriert von der bekannten Volksweise „Warum ist es am Rhein so schön“. Vielleicht aber auch durch die sonnige Ortslage in Wemlighausen und das stetige Gesäusel des vorbeifließenden Marienwassers. Dieses Volkslied aus den 1920-er Jahren wurde früher oft gesungen und 1960 durch den bekannten rheinischen Schlager- und Volkssänger Willy Schneider neu aufgenommen. Einige der Strophen wurden umgedichtet, passend für die Menschen und das Leben unterm Rain. Die Melodie, von Adolf von Bergsattel, wurde beibehalten.
Auf Feiern und Festen wurde das Lied zum Besten gegeben und gemeinschaftlich gesungen. Egal ob im kleinen Kreis oder bei der Vorbereitung zu Dorffesten, z. B. beim Wickeln von Girlanden und Schmücken der Straße für die anstehenden Schützenfeste. In den 1960-er Jahren wurde, nach Erzählungen, beim Ausmarsch der Rainleute aus dem Festzelt, beim hiesigen Schützenfest von der Berleburger Feuerwehrkapelle das Rainlied intoniert. Dazu muss man wissen, dass die Rainleute in den sechziger Jahren gleich mehrere Schützenkönige, beginnend mit Erwin Trapp 1961, und zwei Mal den Geck, mit Hans Grauel und Werner Lennert stellten.
Ein Lied auf den Lippen gehörte einfach dazu. Vor der Zeit von transportablen Radios und Kassettenrekordern war die Musik immer hausgemacht. Der Gesang war inbrünstig. Manches Mal, vielleicht aber auch nur laut.
Es war Hannelore Dickel, die zu Beginn der neunziger Jahre bei den heimischen Banken Volkslieder-Texthefte organisierte um bei den jährlich durchgeführten Rainfesten und anderen Anlässen gemeinsam zu singen und sich nicht nur von Musik aus der Retorte berieseln zu lassen, die zweifellos auch sehr schön war. Spätestens zum Ende eines Festes wurde vor dem Abmarsch nach Hause das „Rainlied“ angestimmt.
„Rainlied“
Warum ist es Unterm Rain so fein, warum ist es Unterm Rain so fein,
Unterm Rain so fein.
Weil die Mädchen so lustig und die Burschen so durstig.
Darum ist es Unterm Rain so fein, Unterm Rain so fein.Warum ist es Unterm Rain so fein, warum ist es Unterm Rain so fein,
Unterm Rain so fein.
Weil die Mädchen dicke Waden und die Burschen scharf geladen.
Darum ist es Unterm Rain so fein, Unterm Rain so fein.Warum ist es Unterm Rain so fein, warum ist es Unterm Rain so fein,
Unterm Rain so fein.
Weil die Jungen und die Alten immer fest zusammenhalten.
Darum ist es Unterm Rain so fein, Unterm Rain so fein.Warum ist es Unterm Rain so fein,
Unterm Rain so fein.
Es sind hier nicht alle Strophen des Liedes aufgeführt, da es die vorgegebene Anzahl an Seiten sprengen würde. Wurde vor dreißig Jahren das „Rainlied“ noch auswendig gesungen, so mussten zwei Dekaden später bereits Textzettel verteilt werden um unter Leitung von Heinz D. und Günter S, zwei erprobten Sängern im MGV, das Lied gemeinsam anzustimmen. Traditionspflege ist in der heutigen Zeit nicht einfach. Es ist sehr schwer geworden Traditionen zu bewahren, auch wenn, wie in diesem Fall,das Lied an die nachfolgenden Generationen weitergegeben wurde. Es gibt viele Gründe, die man aufzählen könnte. Menschen und Familien gehen, andere Menschen, Familien kommen. Insgesamt hat sich auch die Gesellschaft sehr verändert. Irgendwann wird bestimmt auch bei uns nicht mehr gezwitschert. Die schönen, lustigen Dinge im Leben werden aber im Herzen und durch Erinnerungen wachgehalten und bewahrt. Es war aber schon immer so.
Text: Heinrich Althaus
Quellen:
Fotos: Heinz Althaus
Erzählungen und eigene Aufzeichnungen.



