Historische EntwicklungGeschichte Wemlighausen
„Im Jahr 1173 wird Wemlighausen als „Wanboldenchusen“ zum ersten Mal urkundlich erwähnt, als der Edelherr Otto von Grafschaft der Kirche St. Alexander in Grafschaft Einkünfte aus seinen Gütern „in frantia“ aus der „terra que dictur Wandboldenchusen“ schenkt.
Übersetzt bedeutet dies, dass die Güter in fränkischem Gebiet lagen und als das „Land das als Wanboldenchusen“ bezeichnet wird¹, gekennzeichnet wurde. Zwar ist an dieser Stelle von „Land“ und nicht von einem Dorf oder einer Ansiedlung die Rede, jedoch darf man davon ausgehen, dass mit dem Teilwort <hausen> eine Behausung gemeint ist. Nach der Definition von Dieter Möhn² ist anzunehmen, dass die – hausen-Namen, die in Verbindung zu einem Vornamen stehen, im Falle von Wandboldenchusen so viel wie „bei den Häusern des Wanbold“ bedeuten. Daraus lässt sich ableiten, dass sich hier 1173 bereits ein menschlicher Siedlungsplatz befunden haben muss.
1308 und 1336 tritt Wemlighausen noch einmal bei Landverkäufen in Erscheinung, und eine Urkunde von 1344 gibt einen Einblick in die Besitzerstruktur von Zehntrechten. Besitz und Berechtigungen lagen in den Händen auswärtiger Geschlechter., der Herren von Grafschaft, der Familie von Bicken, der Herren von Viermünden bzw. der Herren von Winter (Bromskirchen), den Hallenberger Bürgern Johannes und Rupertus Enze, so wie dem Kloster Georgenberg bei Frankenberg³. Sicher haben auch noch andere Grundherren Ländereien in und um Wemlighausen besessen, die aber urkundlich nicht in Erscheinung getreten sind.
Aus der Zeit von 1500 kann für Wemlighausen selbst kein Bewohner namentlich benannt und beschrieben werden.
Die Berleburger Chroniken berichten, dass 1510 in Wemlighausen kein einziges Haus gestanden habe.
Im Gegensatz hierzu finden sich im Zinsregister von 1521 nach Angaben von Georg Cornelius vier Bauern, die ihr Hubengeld an das Grafenhaus entrichten müssen. 1523 waren es schon 6, 1575 16. Sicher Folge einer Neuansiedlung ab 1538 (4) lt. Wikipedia. Wie viele andere Wittgensteiner Dörfer hat Wemlighausen also auch im 15. Jahrhundert eine Wüstungsperiode durchstanden. Wir dürfen uns nicht vorstellen, dass der Ort vor dieser Zeit groß gewesen ist; schon Ansiedlungen von fünf Häusern wurden damals als Dorf bezeichnet. Fiel ein Ort dieser Größenordnung wüst, so war das kein großes Ereignis. Schnell ließen Krankheiten und Seuchen wie die Pest oder Kriegsereignisse fünf Familien oder auch mehr aussterben.
In Wittgenstein sind bisher mehr als 30 Wüstungsplätze bekannt geworden. Einige von diesen sind im Laufe der Zeit wiederbesiedelt worden, wie beispielsweise Wunderthausen, Diedenshausen und Rinthe, so auch Wemlighausen; die anderen, wie z. B. Hopperckhausen unterhalb des Laibach oder Schwarzenau oberhalb Wemlighausen, blieben dauerhaft wüst.
Graf Eberhard von Wittgenstein (Regierungszeit 1474-1496) begann damit, seine Grafschaft zu konsolidieren. Er gab den Menschen größere Rechtssicherheit und beruhigte damit das Land – ganz im Gegensatz zu seinem Vater, der noch als Raubritter berüchtigt war und deshalb auch bei den Nassauer Grafen im Gefängnis saß, und wie bei dessen Vorfahren. Graf Eberhard war es auch, der die Wiederbesiedlung von Wüstungsplätzen in Gang setzte, was auch seine Witwe, Margarethe von Rodemachern, nach 1496 weiter betrieb. Beider Söhne, Graf Wilhelm in Laasphe und Graf Johann in Berleburg, setzten diese Bemühungen fort und intensivierten sie noch. Das Ködern der Bauern durch Landvergabe war weniger Menschenfreundlichkeit als vielmehr durchdachtes politisches und vor allem finanzielles Kalkül. Jeder Bauer mehr im Land war auch ein Steuer- und Abgabenzahler mehr, und diese Mehreinnahmen waren für die Grafen in ihrem kleinen und armen Ländchen unverzichtbar.
Nach den beiden regierte Graf Ludwig der Ältere die Grafschaft Wittgenstein. Dieser teilte die Grafschaft Wittgenstein und dankte 1603 ab. Sein Sohn Graf Georg übernahm den nördlichen Teil Wittgenstein-Berleburg und Ludwig der Jüngere Wittgenstein-Wittgenstein (Laasphe). Um seinen Besitz aufzuzeichnen und damit seine Einkünfte zu bestimmen, ließ Graf Georg 1606 von allen seinen Dörfern eine Schatzungsliste aufstellen. Für das Jahr 1620 ist in Wemlighausen ein Hammerwerk belegt. Der Ort bestand damals aus 15 Häusern.“
Ab 1712 wurden mit Hilfe von waldeckischen Fachleuten Erzgruben eingerichtet.
Auszug aus handschriftlichen Aufzeichnungen von Lehrer Peter Graf vom 17. Febr. 1943 zum Siebenjährigen Krieg 1756 bis 1763
„Am 18. März 1759 nahmen 20 Franzosen in Schüllar 8 preußische Reiter und einen Leutnant gefangen…
Am Samstag vor Pfingsten gaben die Franzosen als Beweis ihrer freundlichen Gesinnung zu Ehren der Offiziere auf dem Schüllarhammer ein großes Traktement…dazu spendeten wohlhabende Herren der Stadt reichlich Wein…
Am 6. Sept. 1759 meldete Schultheiß Philipp Dickel aus Wemlighausen, dass ein Kommando von 6 Mann, welches am Abend vorher eingetroffen war und mit einem Boten nach Alertshausen abgefertigt worden sei, unterwegs dem Landwirt Stark im Winterbach ein Pferd mit Gewalt genommen habe. Derselbe Schultheiß berichtete, dass ein Trupp alliierter Truppen in Wemlighausen Wagen zu requirieren im Begriff sei. Der Schultheiß verlegte sich aufs Handeln. Der Offizier zog gegen ein Trinkgeld von 6 Talern ab.
Es war ein merkwürdiger Krieg, dieses Hin- und Herziehen der Kriegsvölker, vielmehr ein Versteckspielen, Nachlaufen als wirklicher Krieg; nichtsdestoweniger für das arme Land sehr kostspielig. Da die Gerechtigkeit verlangte, dass die von den Einzelnen aufgebrachten Leistungen auf die Gesamtheit verteilt wurden, mussten nach Maßgabe dieser Verteilung Schüllar beispielsweise nach Abzug der geleisteten Lieferungen noch rd. 80 Rtlr. und Wemlighausen 1761 noch 133 Rtlr. bezahlen.“
Ab 1781 gehört Wemlighausen zur Schulzerei Schüllar.
1803 hatten sich die betroffenen deutschen (Klein-) Staaten und Frankreich unter dem Druck Napoleons in der Rheinbundakte darauf verständigt, dass alle deutschen Besitzungen, die auf linksrheinischem Gebiet lagen, ohne Entschädigung an Frankreich abzutreten waren.
Damit verlor Wittgenstein ohne territorialen Ersatz seine Besitzungen Neumagen und Hemsbach. 1806 trat dann das ein, was viele schon befürchtet hatten: Die Fürsten von Wittgenstein verloren ihre Selbstständigkeit. Napoleon übergab mit einem Federstrich die beiden Fürstentümer Wittgenstein-Berleburg und Wittgenstein-Hohenstein an Hessen. Er wollte die politische Landkarte dahin verändern, dass er nicht mehr mit Hunderten von Kleinstaaten, sondern nur noch mit wenigen großen verhandeln musste.
Das bedeutete für die Wittgensteiner Bauern – und damit auch für die in Wemlighausen – eine gravierende Verschlechterung ihrer ohnehin schon miserablen wirtschaftlichen Lage. Neben den zahlreichen Abgaben, die die Bauern weiterhin an ihre Standesherrschaften in Berleburg und Laasphe zu entrichten hatten, forderte Hessen ab jetzt auch noch Steuern für sich ein. Diese Doppelbesteuerung verursachte einen rapiden wirtschaftlichen Niedergang Wittgensteins und war für seine Bürger verheerend und geradezu unerträglich. Diese außerordentliche Notlage war gewiss für viele Menschen Anlass, nach Amerika auszuwandern. Bis 1817 ist eine regelrechte Auswanderungswelle zu beobachten.
1806 erfolgte auch ein Wechsel zur Schulzerei Girkhausen.
Als Napoleon 1814 besiegt und ins Exil geschickt worden war und der Wiener Kongress, der die politische Landkarte Europas neu ordnete, 1815 beschloss, dass ganz Wittgenstein ab 1816 der Provinz Westfalen und damit dem Königreich Preußen angeschlossen werden sollte, erhofften sich die Bürger des Ländchens endlich steuerliche Erleichterungen. Die schnelle Erfüllung dieser Hoffnungen ließ jedoch noch längere Zeit auf sich warten, denn auch Preußen erhob zunächst für sich eigene Steuern, so dass die Doppelbesteuerung weiterhin bestehen blieb.
Nach Jahrhunderten der Knecht- und Leibeigenschaft konnten die Bauern die „Bauernbefreiung“ in Wittgenstein feiern. Nach zahlreichen Klage- und Bittschriften Wittgensteiner Bauern und Kommunen und nach mehreren amtlichen Berichten der Landräte über die eklatante Notlage der Bevölkerung Wittgensteins suchte Preußen nach einer dauerhaften und grundsätzlichen Lösung der Probleme. Zum Beispiel berichtete der Oberpräsident von Vincke von seiner Besichtigungsreise durch Wittgenstein nach Arnsberg, die Bevölkerung des Landes sei so erbärmlich ernährt, dass selbst die Asche und Aschenkruste, die nach dem Backen im Backhaus am Brotlaib hängen blieb, nicht entfernt, sondern mitgegessen werde. Im Übrigen sei das Brot kaum zu genießen.
Schließlich war die Senkung bzw. die Aussetzung der Steuern für zehn Jahre ein erster Lösungsansatz. Der wesentlich bedeutendere und Entscheidende war jedoch ein eigenes Vertragswerk zwischen Preußen und den Fürsten von Wittgenstein-Berleburg und Wittgenstein-Hohenstein:
- Die Fürsten traten die ihnen bisher zustehenden Leistungen und Verpflichtungen der Bauern an Preußen ab.
- Preußen setzte den Fürsten als Entschädigung für den Verlust ihrer Einnahmen eine Rente aus, die aus der eigens dafür gegründeten Wittgensteiner Tilgungskasse bezahlt wurde.
- Die von ihren Abgaben und Leistungen befreiten Bauern mussten als Ersatz dafür eine genau berechnete Entschädigungsrate in die Tilgungskasse einzahlen.
- Im Gesetz vom 22. Dezember 1839 werden die Modalitäten für die Berechnung der Entschädigungsrate geregelt.
- Die Ablösung der standesherrlichen Rechte erfolgt ab dem 1. Juli 1840.
Durch diese gesetzliche Regelung gelangte jeder Bauer, dem seit Jahrhunderten nur die Nutznießung des Landes in Form von Lehen oder Erbpacht gestattet war, wofür er auch noch Steuern, Naturalabgaben und Frondienste leisten musste, in den vollen Besitz seiner Güter. Mit Recht spricht man deshalb im Bezug auf das Jahr 1840 von der Befreiung der Wittgensteiner Bauern.
Die Ländereien, welche die Bauern vom Fürsten gelehnt bzw. in Erbpacht bewirtschaftet hatten, waren jetzt ihr unantastbares Eigentum geworden, so dass sie damit ganz nach ihrem eigenen Belieben verfahren konnten. Noch im 18. Jahrhundert waren Veränderungen in der Nutzung landwirtschaftlicher Flächen, etwa aus Wiesen Ackerland zu machen oder umgekehrt, erst recht aber Verkäufe und Käufe von der Zustimmung des Landesherrn abhängig. Zur Berechnung der Entschädigungsrente für die Fürsten wurde eine Kommission eingerichtet, die sich aus Vertretern der preußischen Behörden, der Fürsten und der Bauern zusammensetzte.
1845
Im Rahmen der Einführung der Landgemeindeordnung für die ProvinzWestfalen wurden 1845 im Kreis Wittgenstein fünf Ämter eingerichtet, darunter die Ämter Arfeld, Berghausen und Girkhausen. Zu Girkhausen gehörten dann u.a. Schüllar und Wemlighausen.
I. Weltkrieg von 1914 bis 1918
Der Auslöser lt. Geschichtsbüchern war das Attentat von Sarajevo, bei dem der österreichisch-ungarische Thronfolger Franz Ferdinand und seine Ehefrau am 28.06.1914 ermordet wurden.
Der I. Weltkrieg hatte tiefgreifende Auswirkungen auf das Leben in Wittgenstein. Die Einberufung von Soldaten, der Arbeitskräftemangel in der Landwirtschaft sowie Wirtschaft und die Not der Familien waren nur einige der Herausforderungen, denen sich die Bevölkerung stellen musste.
Die Not der Familien, die Hunger und Armut erlitten, war groß.
Zu Ehren der Gefallenen und Vermissten wurden Ihre Namen zum ewigen Gedenken auf dem Ehrendenkmal neben der Odebornskirche in Schüllarhammer, eingraviert.
1932 wurden die drei Ämter aufgelöst. Aus ihren Gemeinden wurde zusammen mit dem Gutsbezirk Sayn-Wittgenstein-Berleburg das Amt Berleburg gebildet.
II. Zweiter Weltkrieg
Veröffentlich von Wilhelm Völkel, Laasphe 1976
Sonderauflage der Zeitschrift „Wittgenstein“, Bd.39, H 4 (1975) und Bd. 40, H 1 (1976) Herausgegeben von E. Bauer (Laasphe) und W. Wied (Kreuztal)
Vorwort:
„Der vorliegende Bericht möchte ein möglichst vielseitiges Bild der Jahre 1939 – 1945 in Wittgenstein vermitteln. Er stützt sich dabei auf Tagebuchnotizen der damaligen Zeit, auf Erinnerungen von Augenzeugen, die der Verfasser befragt hat, und auf amerikanische Quellen. Unsere Fotos bringen das Material, das sich finden ließ. Auch die Zeichnungen geben selbsterlebte Situationen wieder.
Verfasser und Schriftleitung sind sich darüber einig, dass diese Arbeit noch keine endgültige Darstellung der Ereignisse im 2. Weltkrieg ist. Die Schriftleitung“
22.02.1945 Wemlighausen: Tiefflieger beschießen den Ort.
Nach Mittag sind feindliche Flugzeuge am Himmel, die eine weite Kurve über den Bergen im Nordosten drehen. Plötzlich wird es ernst; die Maschinen stürzen im Tiefflug auf den Ort zu und schießen mit Brandmunition. Als sie in Richtung Berleburg verschwunden sind, von wo jetzt mehrere Bombenexplosionen zu hören sind, stehen in Wemlighausen zwei Wohnhäuser und eine Scheune in Flammen: das Anwesen des Bauern Heinrich Sonneborn (Pauls), das Wohnhaus des Anstreichermeisters Wilhelm Althaus (Anstreichers) und die Scheune des Landwirtes Karl Fuchs (Neljes-Schneiders) hat es getroffen!
13.03.1945 Offensichtlich beschäftigen sich die Verantwortlichen im Kreis jetzt immer intensiver mit der Heimatverteidigung. Die auf einer Anhöhe stehende Kapelle hat eine hell leuchtende Stirnwand, die man selbst von der Leimstruther Höhe deutlich sehen kann.
Vom Landratsamt kommt die Order, dass der Anstrich durch eine dunkle Farbe zu ersetzen sei, da man sich andernfalls gezwungen sähe, das Gebäude zu sprengen.
Heute besorgen sich einige Männer aus dem Ort schwarze Farbe und holen die alte Feuerwehr-Handpumpe hervor. So wird die Kapelle der dunklen Zeit angepasst.
02.04.1945 Ostermontag:
Schüllar-Wemlighausen ist morgens geräumt. Da holt der Bürgermeister die am Winterbach lagernden Feindtruppen ins Dorf.
Wemlighausen im Frühjahr 1945 vor und während der Besetzung durch feindliche Truppen
Aufzeichnungen von Hauptlehrer Peter Graf
Deutsche Truppen zum Einsatz im Dorfe
Mitte März d. J. 1945 kamen deutsche Truppen zur Einsatzbereitschaft ins Dorf. Damals standen die amerikanischen Truppen noch jenseits des Rheines. Aber überraschend schnell näherten sie sich von Tag zu Tag den Heimatdörfern. Ein bewegtes Leben vollzog sich auf den Dorfstraßen. Deutsche Truppen aller Waffengattungen durchzogen das Dorf. Fahrzeuge aller Art, zuletzt meist Pferdefuhrwerke, passierten die Straßen. Sie kamen aus dem Westerwald und zogen durch das Rothaargebirge in Richtung Winterberg weiter. Zuletzt kamen als deutsche Truppen SS-Mannschaften unter Führung des Generals Jaitz, der in der Gastwirtschaft Otto Aderhold auf dem Keller Nr. 54 Quartier nahm. In der Volksschule auf dem Hammer hatte General Model sein Quartier aufgeschlagen. Von der SS-Truppe ist auf dem Laibach in den Kampfhandlungen ein Soldat gefallen. Unmittelbar in der Nähe des Wohnhauses von Karl Bartsch auf dem „Hesseberg“ liegt er beerdigt. Die Verwundeten wurden weiter nach Winterberg transportiert. Man gedachte, den Feind aufhalten zu können und baute Panzersperren bei Wunderthausen (im Esch) und auf dem Hohen Rain hinterm Winterbach. Von dieser Richtung her sind dann auch tatsächlich die feindlichen Panzertruppen vorgerückt.
Unsere Geschütze waren auf dem Butzrain hinter Dickel-Sand aufgestellt, ferner oberhalb des Dorfes bei Heinrich Riedesel und auf dem Bockshorn, der höchsten Erhebung bei den Tannen, standen ebenfalls Geschütze. Zwei feindliche Geschütze standen bei Diedenshausen am Heiligenholz und beschossen die Stadt Berleburg. Die Beschießung war stark, aber die Einschläge waren zu kurz und fielen auf das Vorgelände der Stadt, auf die Wiesen östlich von Berleburg, die Gegend der Badeanstalt und des Ehrenhaines, sowie in den Wald am Höllscheid.
Der Feind im Dorfe
Am 1. April, Ostermorgen, rückte der Feind ins Dorf ein. Fast eine Woche lang hatte er die Landstraße Berleburg-Diedenshausen schon besetzt. Er kam also gegen aller Erwartungen aus östlicher Richtung. Das Elsofftal war schon länger in seinem Besitze gewesen, Diedenshausen und Wunderthausen seit Karfreitag. Der Hauptstrom der feindlichen Streitkräfte zog in Richtung Frankfurt a/M. – Marburg – Kassel. Pfeilartig drängten nach Westen Kräfte ab, um das rheinisch-westfälische Industriegebiet einzukesseln (mit Spitze nach Paderborn). Am Ostermorgen standen nun die feindlichen Panzer vorm Winterbach auf der Straße und waren zum Beschusse des Dorfes und Kraftsholz und Rüsselsbach aufgefahren. Die Infanterietruppen hatten sich am Waldrande von Riljes- und Schmidtskopf zur Straße und zum Dorfe hin verschanzt. Andere Infanterietruppen lagen am Waldrande vom Birkenkopf. Gegen 10 Uhr vormittags brachte Fräulein Elfriede Dickel die Nachricht: Panzertruppen sind zum Beschusse der Ortschaft aufgefahren. Der Gemeindebürgermeister Heinrich Lückel-Spieses und Willi Wendland, Sohn eines Lehrers aus Hohenlimburg, gingen gegen 11 Uhr mit einer weißen Fahne in Richtung Winterbach dem Feind entgegen. Herr Wendland erklärte in englischer Sprache dem Kommandanten der Truppe, dass die Gemeinde frei von deutschen Truppen sei, und hiermit die Gemeinde kampflos zur Übergabe bereit sei. Der Kommandant, der das Dorf dann später in Besitz nahm, hatte zuvor einige Stunden in der Jagdhütte vorm Winterbach gewohnt. Derselbe war bis 1938 beim amerikanischen Konsulat in Wien tätig gewesen. Er kannte die deutschen Vorkriegsverhältnisse genau und sprach auch fließend deutsch. Seine Eltern waren bei Hannover geboren.
Nach etwa einer Stunde setzte sich die Truppe in Bewegung, um den Ort zu besetzen. Die erste Feindtruppe blieb drei Tage im Dorfe. Regen, Schnee und Schlackerwetter erschwerten ihr den Vormarsch. Kampfhandlungen seitens der amerikanischen Truppen fanden in der Gemeinde nicht statt. Die Bevölkerung durfte vor morgens 8 Uhr und nach abends 6 Uhr die Häuser bzw. den Ort nicht verlassen. Es mussten alle Schusswaffen, jegliche Munition aller Art, Photoapparate, Sendeapparate und Uniformstücke binnen zweimal 24 Stunden beim Kommandanten abgeliefert werden.
Die feindliche Truppe besaß große Mengen an Rauchmaterial und Verpflegung. Nach Abrücken der Kampftruppen kamen Ende April 2 Komp. Infanterie in Stärke von 350 Mann zur Besatzung ins Dorf. Sie blieben etwa 6 Wochen zur Erholung in der Gemeinde liegen. Für sie mussten 15 Häuser geräumt werden. Keiner der Bewohner durfte in seinem Hause bleiben. Der Stab dieser Kompanie lag in der Gastwirtschaft Otto Aderhold in Wemlighausen Nr. 54 (auf dem Keller). Die Küche war ganz in der Nähe untergebracht, in dem großen Doppelhaus der Familien Karl Dickel und Frau Anna Wahl.
Bei der Besichtigung der Kücheneinrichtungen durch einen Major oder Oberstleutnant beanstandete dieser, dass sich zu viele Fliegen auf den Düngerstätten der Familien Dickel und Wahl sammelten. Daher wurde angeordnet, dass der Dünger täglich aufs Feld gefahren werden musste.
Zu Pfingsten, am 20. Mai, musste der Speisesaal bzw. die Küche in die Schule zu Schüllarhammer verlegt werden. Die Gemeinde Wemlighausen musste für sämtliche Soldaten Tische und Stühle besorgen. Bemerkt sei auch noch, dass aus den Jugendherbergen Kühhude und Neuastenberg, sowie aus den Gemeinden Schüllar, Wemlighausen, Girkhausen, Wunderthausen und Diedenshausen Wäschestücke aller Art zur Verfügung gestellt werden mussten. Die amerikanischen Gruppen holten alle diese Sachen per Auto herbei.
Etwa 14 Tage lang war auch belgische Besatzung im Dorfe. Sie wohnte in dem Hause Fritz Aderhold, Wemlighausen Nr. 81 und in der Gendarmeriewohnung an der Heiderbrücke. Es waren ca. 18 bis 20 Mann, die an die Bevölkerung hohe Anforderungen in ihrer Verpflegung stellten. Sie forderten täglich große Mengen an Speck, Butter, Eiern, Milch und Brot. Ihr besonderes Vergnügen fanden sie an der Jagd. Sie schossen Rehwild und Hasen willkürlich ab.
Plünderung durch Ostarbeiter
In den letzten Jahren des Krieges waren zahlreiche Ostarbeiter in den Gemeinden Schüllar und Wemlighausen beschäftigt. Das Verhältnis zur Dienstherrschaft war nicht überall harmonisch, vor allen Dingen dort nicht, wo man die scharfen Verhaltungsmaßnahmen der Nazi-Partei den Ostarbeitern gegenüber genau befolgte. Der Feind gestattet diesen Leuten für kurze Zeit eine Plünderung in den Häusern. Sie machten von diesem Recht auch Gebrauch und stahlen Lebensmittel aller Art, besonders auch Kleidung, Wäsche und Schuhzeug.“
1975 am 1. Jan. wurde das Amt Berleburg im Rahmen des Sauerland/Paderborn-Gesetzes aufgelöst. Die Mehrzahl der Gemeinden des Amtes wurden mit der amtsfreien Stadt Berleburg zur neuen Stadt Bad Berleburg zusammengeschlossen, darunter auch Schüllar und Wemlighausen.
1975 wurde der Kreis Siegen durch Zusammenschluss der Kreise Siegen und Wittgenstein gegründet, ab 1984 heißt er Kreis Siegen-Wittgenstein. Der Kreis Wittgenstein (1953-1969 Landkreis Wittgenstein), war von 1816 bis 1974 ein bestehender Kreis im Regierungsbezirk Arnsberg. Mit diesem gehörte er zunächst zur preußischen Provinz Westfalen, ab 1946 schließlich zum deutschen Bundesland Nordrhein-Westfalen.
Quellen:
– Ausarbeitungen von Peter Graf (Lehrer in der Volksschule Schüllarhammer, verstorben am 30.10.1965)
– Zusammenstellung Klaus Homrighausen, Diedenshausen
– Stadtarchiv Bad Berleburg
– Wikipedia
– Anschreiben Reinhold Lückel
– Wilhelm Völkel/Sonderauflage Zeitschrift „Wittgenstein“, Bd. 39 und Bd. 40
Fußnoten:
1 G.Wrede, Twerritorialgeschichte, Seite 184
2 F.Krämer, Wittgenstein Bd.1, Seiten 159ff.
3 Wie Fußnote 1
4 W. Hartnack u.a., Die Berleburger Chroniken, Seite 36, Zeilen 20-28


